Freitag, 11. Februar 2011

Drei Dinge

Wo soll ich beginnen?

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1.

Falls ihr uns gestern vermisst habt: Bei uns war internetfreier Tag. Wir haben nun endlich zu so etwas wie einem Internetvertrag gewechselt. Wurde auch langsam Zeit nach vier Monaten hier in Melbourne.

Und da das beinhaltet, dass Jonas (nach wie vor der Hauptverdiener in diesem Haushalt, aber ich rücke langsam und stetig auf) beim entsprechenden Anbieter nicht nur vorbeigehen musste, sondern seinen Pass, seinen Führerausweis, ein Dokument mit der Wohnadresse, einen Auszug, der zeigt, wieviel er verdient und Name, Adresse und Telefonnummer seiner Chefin zwecks Überprüfung der Lohnangaben vorbeibringen musste, hat das eine Weile gedauert. Ob er da auch noch durch einen Metalldetektor gehen und sich ausziehen musste, hat er nicht gesagt.

Das Resultat dieser Aktion ist ein Internetvertrag, der von Monat zu Monat verlängert wird und von uns im VORAUS bezahlt werden muss. Verglichen damit ist es beinahe eine Kleinigkeit, dass ich der Steuerverwaltung die Konfession meiner Kontaktadresse in der Schweiz melden musste. Oder genauer die Konfession der Person, die hinter meiner Kontaktadresse steckt.

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2.

Ich bin mit dem Vorsatz nach Australien gekommen, mir etwas Zeit zu nehmen und mir zu überlegen, was ich beruflich machen will. Ich hatte etwas Geld auf der Seite, hatte das Gefühl, dass ich mich in ein Café setzen kann, die Museen besuchen gehe, Melbourne etwas kennen lerne und mich dabei selber finde. Danach, lautete meine Vision, sobald ich mich dann selber gefunden hätte, in einem Park vielleicht, und ganz eins mit mir sein würde und selbstverständlich eine Eingebung gehabt hätte, was ich im Leben will, würde mir meine Traumstelle in den Schoss fallen, eine, die mich ausfüllt, beflügelt und die meine Berufung ist.

Tja, ihr habt es schon gemerkt, und es war auch zum Schreiben etwas mühsam: Etwas viele 'hätte', 'könnte', 'würde'...

Es kam natürlich ein bisschen anders und irgendwie sehr typisch für mich.

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Zuerst und sofort nach der Ankunft hier habe ich verwundert bemerkt, dass ich keineswegs diesem coolen, nonchalanten, ruhigen, kosmopolitischen Bild entspreche, dass ich mir da von mir selber in Melbourne gemacht hatte. Ich war nervös, was aus mir werden würde. Nicht nur so ein bisschen, sondern ein bisschen sehr. So sehr, dass es unmöglich war, mich in ein Café zu setzen, meinen Notizblock zu zücken und mir so kreativ und brainstormmässig ein paar Gedanken zu meiner beruflichen Zukunft aufzuschreiben. Die sich dann zu einem Cluster formen würden und mir, an einem sonnigen Nachmittag und mit einem Stück leckeren Kuchen vor mir, mit aller Klarheit eine Idee zeigen würden: Meine helle und vielversprechende berufliche Zukunft. So hatte ich mir das ungefähr erträumt.

Aber es war eher so: Ich hatte (und habe vielleicht immer noch ein bisschen, aber nur noch gaaaanz kleine) wunderbar wuchernde und wilde, dunkle und lauernde Zuskunftsängste, Geldängste, Identitätsängste, kurz, einen ganzen Haufen davon.

Jonas hat sich nicht wahnsinnig machen lassen von meinem Trübsal blasen. Jonas hat mich zu meinem grossen Glück immer wieder auf den Boden heruntergeholt. Er ist da viel cooler als ich. Viel weniger angstanfällig. Und er hatte sein eigenes Geld. Und seinen eigenen Job. Das hat sicher geholfen.

Danach habe ich die Stelle bei den AlleMunchkins bekommen, in meiner kleinen Provinzschule. Und die Ängste haben sich langsam, langsam verzogen.

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Und was nun kommt, ist ein Lehrstück für Vitamin B, sprich berufliche Netzwerke: Die Mutter einer Schülerin bei den AlleMunchkins vermittelt mich an die deutsche Schule, ich bekomme da eine Stelle. Eine Mutter fragt mich für Privatunterricht für ihre Tochter und ihren Mann an, ich bekomme da eine Stelle. Sie gibt meine Telefonnummer an eine Freundin weiter, ich bekomme da eine Stelle. Eine Mitlehrerin vermittelt mich an eine Sprachschule, ich bekomme da eine Stelle. Das ist kein Sprung in der Platte. Das letzte war gestern. Jetzt weiss ich vor lauter Stellen nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Ich muss mir schleunigst einen Plan machen!

Es fühlt sich gut an. Sehr gut sogar. Obwohl ich so beruflich noch nicht ganz am Ziel bin. Ich wollte nicht unbedingt unterrichten (obwohl, das ist ok, denke ich), ich wollte nicht unbedingt Grundschulkinder unterrichten, und ich wollte nicht unbedingt 'nur' in der deutschen Community von Melbourne arbeiten.

Aber erstmal bin ich echt wirklich, wirklich froh!

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Und die Punkte oben werde ich auch noch angehen. Wieso ich zum Beispiel nicht unbedingt Grundschulkinder unterrichten will? Nun:
12 kleine Schüler drängen sich um mich, strecken ihre Hände, Arbeitsblätter und eine Sprühdose mit Putzmittel (zum Glück gesichert) gegen mein Gesicht und wollen alle gleichzeitig etwas von mir haben. Ich rücke immer mehr gegen die Wand und denke: Was machen die hier? Warum sitzen die nicht ruhig an ihren Pulten? Warum strecken die nicht die Hand auf, wenn die etwas wollen?

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Mein Verständnis, wie eine Grundschule funktionieren soll, ist im wahrsten Sinne des Wortes vom letzten Jahrtausend! Ausserdem: Das Zimmer ist wirklich klein. Eine Mutter kauft nun wenigstens passende Tische. Hurra! Die Kinder sind wild, Provinzschule halt (siehe oben). Nächstes Mal gibt es Klassenregeln.
Weiss jemand, ob Viertklässler uns Lehrer schon von der ersten Minute an testen? Uff! Gymeler fangen damit erst etwa nach zwei Wochen an...
Kennt jemand ein Buch für ca. 2. und 3.-Klässler, das sich zum Lesen und Vorlesen eignet und dass sie nach Möglichkeit nicht schon kennen? Also nicht 'Die unendliche Geschichte', 'Momo', 'Emil und die Detektive', 'Das fliegende Klassenzimmer', alles von Astrid Lindgren und Cornelia Funke.

Nun, da wartet eine schöne, neue Herausforderung auf mich...


3.

Es ist etwas wirklich beängstigendes passiert: Wir haben vorgestern die letzte Reihe Ovoschggi gegessen.
Bitte helft!
Wir sind leicht verzweifelt!!!

Unsere Adresse lautet:

Jonas Bhend, Helen Gosteli
7/103 Osborne St
South Yarra VIC 3141

Australia

Danke! ; )

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Kommentare:

  1. 1. hab ich mir eigentlich gedacht, dass
    du Helen von
    der mündlichen Prapaganda profitieren wirst,
    sobald der zündende Funken gesprungen ist.
    2. soll dir Jonas ruhig seinen Geldbeutel ab und
    zu ausleihen.
    3. Vorschlag fürs Buch: "Grossvater und die
    Wölfe"
    und Fortsetzung: (eben in Deutsch erschienen)
    "Grossvater und die Schmuggler", beide von
    Per Olov Enquist im Hanser-Verlag.( Soll
    ich dir sie schicken?)
    4. prophezeie ich euch, dass ihr in Bälde von
    Ovoschoggi überschwemmt sein werdet.
    5. Mit Grundschule fängt ja alles an.

    Soweit sogut, liebe Helen,fürs Erste setzt
    euch mal aufs Ruebettli und trinkt zusammen
    einen Erfolgstee. (Welches Kraut nimmt man
    da nöie?)
    Und von wegen Bibelsprüchen, ich glaube, man
    kann auch ohne so etwas wie den Himmel
    erreichen.
    Bon courage! C.

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  2. Hörbe und Zwottel sind auch toll- wie du Helipeli!

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  3. Liebe Alle

    danke für eure Kommentare, und ja, ich habe einige der Bücher bestellt und freue mich darauf. Ja die Rasselbande.... ; )

    bis glii und ich hoffe, bei euch läuft's ebenso rund (oder gut gewachst bei dir, Hans)

    Helen

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