Mittwoch, 22. Dezember 2010

Cricket

Im Moment ist es in Melbourne sehr unsommerlich kalt und regnerisch, so dass sich Wochenendausflüge nicht gerade aufdrängen. Dafür drängt sich Cricket auf. Cricket ist natürlich die seltsamste Sportart der Welt, aber da man sie in Pubs mit nach abgestandenem Bier riechenden Spannteppichen im Fernsehen schauen kann, sind Herr Bhend und ich sofort dafür zu begeistern.

Wir haben auch wirklich Glück: Jonas' Arbeitskollege und der ehemalige Besitzer von Agathe, unserem Auto, spielt Cricket und konnte uns deshalb eine Einführung geben. Die wir sehr, sehr nötig hatten. Weil, wie gesagt, Cricket ist die seltsamste Sportart der Welt.

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Wenn ich schon voreilig so eine Behauptung in die Welt stelle, muss ich sie wohl auch begründen. Aber seid bitte vorgewarnt: Ich bin eine Anfängerin. Falls es also jemand besser weiss als ich, was nicht nur möglich, sondern sehr wahrscheinlich ist, möchte ich mich bereits im Voraus entschuldigen und nehme in den Kommentaren gerne Korrekturen entgegen.

Also: Drei Gründe, warum Cricket seltsam ist:

1.
Ich war kürzlich in einem Sportgeschäft, habe mir die Auslagen in den Gestellen angesehen und bin durch die Gänge geschlendert. Zwischen all den Auslagen mit Fussbällen, Trekkingschuhen, Wetsuits, Wanderstöcken, Tennisrackets, Gymnastikshirts gerate ich plötzlich zwischen zwei Gestelle und bin mir nicht sicher, ob ich in einer Art eierschalenfarbigem Outlet eines wahnsinnig poshen Schneesportgeschäfts in Zermatt gelandet bin: lauter zopfgemusterte Strickpullover und weisse bundgefaltete Hosen hängen hier an den Ständern. Bis mir dämmert: Das ist die Cricket-Sportbekleidung.

Well, not exactely sexy...

Aber wie wir alle seit der Schlussszene von Bend it like Bekham wissen, kann sich zumindest Jonathan Rhys Meyers in dieser seltsamsten aller Sportkleidungen unglaublich attraktiv über einen gewonnenen Punkt freuen. Und da die Spieler der Australier und Engländer, die im Moment am TV zu sehen sind, sich den Film wohl auch angesehen haben, ist das Zuschauen trotz der seltsamen Gewänder nicht uninspirierend.

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2.
Cricketspiele dauern eeeeewig. Im Moment spielen England und Australien die Ashes, die traditionsreichste und wichtigste Auseinandersetzung im Cricket. Diese bestehen aus fünf Testmatches, und jeder dieser Tests dauert fünf Tage. Da die Ashes dieses Jahr in Australien stattfinden, jeder Test in einer anderen Stadt, und mittlerweile drei Tests gespielt und beide Teams gleichauf sind, fängt die australische Cricketseele allmählich zu kochen an. In einer guten Woche findet der nächste und vierte von fünf Tests in Melbourne statt und scheint gigantisch zu werden: Für den vierten Tag wurden anscheinend schon 90'000 Tickets verkauft, darunter zwei für uns.

Schauen wir uns so einen Testmatch etwas genauer an: Er geht, wie gesagt, über maximal fünf Tage. An jedem Tag wird drei Mal zwei Stunden gespielt, dazwischen gibt es Teepausen und Lunchpausen. Ja, Teepausen! Wir sprechen hier von einer Gentleman-Sportart, die vor allem in Commonwealth-Ländern gespielt wird. Und in England, Indien, Pakistan spielt Tee eine grosse Rolle und macht auch vor dem Sport nicht Halt. Ob die Spieler aber auch wirklich Tee trinken in den Teepausen entzieht sich meiner Kenntnis.
Weil Cricket so eine Gentleman-Sportart ist, sind natürlich auch alle Spieler wie oben beschrieben adrett gekleidet. Nur der coolste Hund im australischen Team traut sich, mit aufgestelltem Polohemd-Kragen und mit seiner out-of-bed Frisur zu spielen. Und das ist wahrscheinlich schon hart an der Grenze des Erlaubten.

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3.
Ich möchte nicht in die Details gehen, wie das Spiel an und für sich funktioniert. Richtig erraten, ich weiss es auch noch nicht so genau. Deshalb hier nur die Basics (uhhohh, schon diese sind etwas lang geraten...):


In der Mitte des ovalen Spielfelds befindet sich ein präparierter Streifen, Pitch genannt. An jedem Ende der Pitch stehen die Wickets, drei in den Boden gerammte Stäbe mit draufgelegten Querstäben. Davor steht der Batsman mit dem Bat (Schläger) und versucht, den von der gegnerischen Mannschaft gebowlten (geschmissenen) Ball wegzuschlagen, ohne dass dieser das Wicket trifft. 

Angriffs- und Verteidigungsphasen sind im Cricket klar getrennt. Eine solche Phase wird Innings genannt. Bei den Ashes stehen jedem Team je zwei Innings zu. Nur die verteidigende Mannschaft kann Punkte machen, indem der Ball weit weggeschlagen wird. Bevor das angreifende Team den Ball wieder zurück zur Pitch holt, kann der Batsman nun zwischen den beiden Wickets hin und her rennen und so Punkte machen.  Die Aufgabe der angreifenden Mannschaft ist es, das verteidigende Team daran zu hindern, viele Punkte zu machen. Das kann erreicht werden, indem der Ball so über die Pitch gebowlt wird, dass er entweder das Wicket trifft oder der verteidigende Batsman einen Fehler begeht. In einem solchen Fall wird er durch einen anderen Batsman seiner Mannschaft ersetzt. Nach zehn Batsmen ist ein Innings vorbei und das vormals angreifende Team kommt nun in die Verteidigungsposition und kann Punkte machen.

Achtung Kenner: Ich weiss, das ist stark vereinfacht. Es hat zwei Batsmen, die müssen beide rennen. Und so weiter und so fort.... 

Ein Innings kann also gut und gerne einen ganzen Tag oder auch länger dauern. Wenn man sich Cricket im Stadion anschaut, kommt man irgendeinmal (nach ausgiebigem Ausschlafen und zmörgelen) hin, holt sich Bier und Pies, schaut ab und zu ein bisschen zu, unterhält sich mit allen anderen Zuschauern, holt mehr Bier und mehr Pies und verpasst natürlich die spärlichen spannenden Szenen. 

Cricket ist auch als TV-Sport unglaublich unattraktiv. Es kann sein, dass stundenlang nichts Spannendes geschieht, weil entweder der Batsman keine Fehler macht oder der Bowler schlecht bowlt. Deshalb steht bei Wikipedia:
Test-Cricket ist wohl der einzige Sport, bei dem sich Fernsehkommentatoren während einer Liveübertragung gelegentlich minutenlang über völlig sachfremde Themen unterhalten. Die Kommentatorenteams kommen meist aus den beiden Ländern der Wettkampfteilnehmer und berichten für beide Länder gleichzeitig. 


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Ja, und Italienisch ist Glückssache. Das hat jetzt mit nicht etwas zu tun. Aber musste einmal gesagt sein ; )

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Manchmal dauern die Innings aber auch kürzer, als man denkt. Heute sind Jonas und ich um 14:30 Uhr ins Pub gekommen und der dritte Testmatch der Ashes war bereits Geschichte. Nach nur dreieinhalb Tagen haben die Australier die Engländer "bodiget", also klar geschlagen. Das bedeutet, dass die Australier im letzten Innings, in dem die Engländer Punkte machen konnten, deren Batsmen so schnell rausgebowlt haben, dass alle früher Feierabend hatten. Nach drei von fünf Testmatches, je einem Sieg für die Engländer und die Australier und einem Unentschieden, ist also noch völlig offen, wie die Ashes ausgehen werden.

Als Ersatz für das frühe Ende des Spiels hat das Pub danach Fussball aus der nicht gerade höchsten englischen Liga gezeigt, und das hat alle Pubbesucher sehr amüsiert: Der Match fand nämlich in knöcheltiefem Schnee statt, mit Schneetreiben so heftig, dass der Schiedsrichter die Teams zwischendurch in die Garderobe geschickt hat, um die Markierungen zumindest teilweise wieder etwas freiräumen zu können.

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Aber wem erzähle ich das? Dani hat mir ja das schöne Bild vom YB-Match geschickt, da sah es auch nicht anders aus. Trotz beinahe herbstlichem Wetter hier muten solche Bilder sehr seltsam an.
Der eine Trainer hat während des ganzen Spiels Kaugummi gekaut und Kaugummi-Blasen gemacht. Im Cricket würde man dafür bestimmt zweieinhalb Jahre gesperrt werden.

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